Rohrfrei

Cover von Rohrfrei 2
Rohrfrei 2 – Ready for the Campingklo
14. Februar 2016
Cover des Buches Kellerleichen
Kellerleichen – Jeder hat eine Leiche im Keller
14. Februar 2016
Cover von Rohrfrei

Kleine Geschichten für das große Geschäft

Mit Geschichten von
Can Borges, Angela Pundschus, Mendea de Scalett, Fabiana Fabulus, Volkmar Koch, Rainer Pick, Ronny M. Schuster, Anja Ollmert, Paul Schenke, Fred Ink, Markus Günther, Claudia Kociucki, Hergen Albus, Jörg Weese, Clara M. Werner, Alfred Berger, Simone Burgherr, Maria Engels
Ode an die Wiedergeburt
Can Borges

So kann die Sache mit der Reinkarnation auch schon mal laufen.

Ich heiße Werner, bin 80 Jahre alt und liege gerade in den letzten Zügen auf der Intensivstation des Marienhospitals meiner Heimatstadt. Ich hatte im Grunde ein ziemlich langweiliges Leben – aber man will ja nicht meckern.
Egon, mein bester und noch einzig verbliebener Freund, hatte letztens ein komisches Ding mit so einer »Rückführung« gemacht und war seitdem davon überzeugt, schon mehrmals gelebt zu haben. Bei dem, was ihn das Seminar gekostet hatte, sollte man das auch mindestens erwarten können. Ich verließ mich also vollends auf Egon und seinen inzwischen stinkreichen Seminarleiter, dass da ja wohl noch was kommen würde?
Mit Tunnel und weißem Licht am Ende war auf jeden Fall schon mal nichts – irgendwer knipste das Licht aus und das war`s!

Das Nächste, was ich wieder wahrnehmen konnte, war, dass ich an der Wand von Egons Schlafzimmer saß und diese kleine Welt im Stil der 70er-Jahre wie ein seltsames Mosaik aus tausend Einzelteilen aussah. Ich war eine Stubenfliege, sah die Welt durch die unzähligen Facettenaugen eines Insekts und die Gunst der Wiedergeburt hatte mich gerade zu Egon verschla¬gen. »Na dann flieg ich doch einfach mal hin und sag meinem besten Freund Hallo«, dachte ich noch so bei mir … Kalaaatsch! Mein erster Ausflug in die Reinkarnation verlief also nicht so dolle – aber man will ja nicht meckern. Obwohl, Egon hatte immer was von Adeligen, oder zumindest blendend aussehenden Gutsverwaltern in Südfrankreich, aus seinen vielen Leben berichtet? Aber Egon hatte halt schon immer viel erzählt.

Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, aber als ich das nächste Mal erwachte, blickte ich zumindest schon mal wieder aus nur zwei Augen in die Welt. Ich schaute auf eine imposante Burg, die Sonne schien und ich war damit Südfrankreich wohl schon um einiges näher gekommen. Etwas störend empfand ich allerdings, dass ich in einem matschigen Burggraben saß und vor mich hin quakte. Dennoch war ich neugierig, was hier in dieser ländlichen Gegend so los war. Sofort darauf bot sich auch schon ein netter Herr in weißer Schürze an, mich ein Stück des Weges zu tragen. Leider befand ich mich anscheinend wirklich in Südfrankreich und der nette Herr trug mich auf direktem Wege in die Schlossküche des imposanten Anwesens! Den Rest kann man sich dann ja denken. Mit diesen überaus muskulösen Beinen konnte ich ohnehin nicht besonders gut umgehen – aber man will ja nicht meckern. Allerdings war ich von dieser Wiedergeburtsgeschichte langsam doch schon etwas enttäuscht.

Das nächste Mal blickte ich wiederum aus nur zwei Augen durch die Gegend und hatte sogar trockenen und geradezu heißen Boden unter den Pfoten. Man arbeitete sich also scheinbar langsam hoch auf der Evolutionsschiene. Worum ich mir aber ein wenig Sorgen machte, war, dass ich unentwegt nur an das »Eine« denken konnte? Sex, Sex und nochmal Sex! Ich war ein männliches und unheimlich wuschiges Karnickel, in einem brütend heißen Teil von Australien. Und ein Mangel an geeigneten Partnerinnen zur Befriedigung meiner hormongesteuerten Gelüste herrschte hier nun wirklich nicht. Ich hatte daraufhin eine der schönsten, wenn auch anstrengendsten Wochen meines bisherigen Daseins. Da soll mir Egon noch mal mit seinem Thailandurlaub kommen, das war ja nichts dagegen! Nur hatte ich leider nicht recht bedacht, dass hier mindestens 60 Grad in der Sonne herrschten und die Zeit für essen, oder mal ein wenig zu trinken, hatte ich nun wahrlich nicht, bei dem Andrang von um mich herumhoppelnden Mädels – aber man will ja nicht meckern. Eine geeignete Bedienungsanleitung für diesen Reinkarnationskram wäre aber schon manchmal nicht schlecht.

Beim nächsten Erwachen sah ich die Welt schon mit ganz anderen Augen. Es waren zwar wiederum zwei, aber der Abstand zum Erdboden unter mir war dabei recht beeindruckend. Ich war ein wunderschöner, leuchtend gelber Pirol und befand mich gerade auf dem Weg in mein sonniges Winterquartier in Afrika, wie mir meine Flugnachbarn zuflöteten. Ich hatte mir also den Traum vom Fliegen erfüllt, musste mich aber sehr bald darauf fragen, recht plötzlich und unkoordiniert zappelnd, warum wohl jemand, hier mitten in der Landschaft und genau in unserer Flugbahn, riesige Gardinen aufhing? Die Italiener mochten zwar Frösche nicht so gerne, hatten dafür aber so manch andere und schlechte An- und Essgewohnheit – aber man will ja nicht meckern. Nur könnten sich die Manager dieser Reinkarnationsklamotte in der geeigneten Länderauswahl doch wohl etwas mehr anstrengen.
Als Nächstes hatte ich wenigstens wieder festen und diesmal angenehm weichen Waldboden unter meinen vier Hufen. Nur fühlte sich mein Kopf so seltsam schwer an und mein Denken war abermals von einer äußerst ausgeprägten Geilheit bestimmt. Ich war wieder in meine Heimat zurückgekehrt, war ein imposanter Rothirsch in der Brunft und der schwere Kopf rührte von einem riesigen Geweih her, mit dem man sich ausnahmslos in jedem Ast und Gebüsch verhedderte. Partnerinnen hatte ich auch diesmal wieder im Überfluss, um meiner unbändigen Lust frönen zu können. Allerdings tauchten viel zu oft unerwünschte und äußerst hartnäckige Nebenbuhler auf, die einem das eigentlich recht angenehme Leben hier außerordentlich schwer und ein gutes Stück unerquicklicher machten. Egon hatte mir über solch eine aus landschaftlicher und zoologischer Sicht wunderschöne Szenerie schon einmal von einem seiner vielen Jagdausflüge erzählt und dass er immer schon mal so einen imposanten Zwölfender … Kraaaaawuuuummm – aber man will ja nicht meckern. Nur so langsam könnten sich die hohen Herren ja wohl doch mal um ein etwas länger währendes Geschöpf für mich bemühen.

Diese Herren hatten mich scheinbar erhört, aber dennoch etwas missverstanden. Ich konnte zwar wieder halbwegs aufrecht gehen und erwachte auch in einer äußerst beschützten Umgebung, nur die Aussicht war durch die Gitterstäbe zu allen Seiten doch etwas stark eingeschränkt. Und die Zoobesucher lasen mir von außen und immer wiederkehrend vor, was ich denn wohl für eine Kreatur war. Pan troglodytes, der Schimpanse, einer der nächsten Verwandten des Menschen. Die Sache mit der Evolutions¬schiene klappte also scheinbar wirklich. Nur diesmal hoffte ich ehrlich und inständig, dass mein Dasein nicht allzu lange andauern würde. Ich sehnte mir die Zeit nicht unbedingt zurück, aber da waren ja sogar meine 50 Jahre als Buchhalter noch weitaus spannender und abwechslungsreicher. Zu alledem lasen mir die unzähligen Besucher auch noch täglich vor, aus welchem Nachlass der Neubau dieses Geheges finanziert wurde. Egon Willershuber, den es nun endlich auch erwischt hatte, was mir aber in den nächsten zehn Jahren des gärenden Hasses gegenüber meinem ehemalig besten Freund und des ewigen Herumspielens mit alten Autoreifen und Pappkartons auch kein rechter Trost sein konnte. Bis mich dann letztendlich ein gnädiger Virus hinwegraffte und damit aus diesem unerträglichen Affenstall erlöste – aber man will ja nicht meckern.
Nur fing ich so langsam an, diese Wiedergeburtsgeschichte wirklich zu hassen.
Ich blickte aus dem Entbindungssaal des Marienhospitals meiner Heimatstadt schreiend meinem unheimlich blöde dreinblickenden Vater ins Antlitz. Mein Name lautete nun Bernd und jetzt ging der Mist wieder von vorne los!
Aber man will ja nicht meckern.

Aschenputtel – ein paar Wochen später

Jörg Weese

»Wo, wo, wo, wo, wo hab‘ ich diesen verdammten Schuh nur wieder stehen gelassen?«
Cinderella war genervt. Richtig genervt. Nicht ge¬nug, dass ihr geliebter Märchenprinz auf die abstruse Idee gekommen war, man könne den unerklärlicher¬weise verloren gegangenen kristallenen Tanzschuh – ein echter Slavonsky! –, wovon sie sich nach einem unschönen Erlebnis (involviert waren ihre klassischen gläsernen Schuhe und ein Eimer Schmierseife – um Himmels willen nicht nachfragen!) ein Paar zugelegt hatte, für den Open-Air-Winterball, doch problemlos durch eine Reproduktion aus Eis ersetzen. Ihm war ganz offenbar entgangen, dass ihre Körpertemperatur weit über die für die Erhaltung des vereisten Aggregatszustands erforderlichen 32 Grad Fahrenheit (sie war Amerikanerin, das nahm sie sehr genau) hinaus¬ging. Cinderella brachte diese männliche Ignoranz nicht nur zum Kochen (212 Grad Fahrenheit), sondern auch zum Schäumen (generell temperaturunabhängig), aber selbst derlei Befindlichkeiten musste sie jetzt hintanstellen. Priorität Nummer 1 war selbstverständlich die Wiederbeschaffung ihrer einzigartigen Fußbekleidung, koste es, was es wolle. Da war es mit einem simplen ›Bibbidi-Bobbidi-Buh‹, was seine prinzliche Majestät als Nächstes vorgeschlagen hatte, einfach nicht getan. Zumal Cinderella nicht vorhatte, sich am Ende die Peinlichkeit zu geben, irgendwelche ausgehöhlten Feldfrüchte an den Füßen spazieren zu tragen, wenn aus welchen Gründen auch immer um Mitternacht deren Rückverwandlung erfolgte. Diese faule Logik hatte sie schon bei dem Film ›Gremlins‹ genervt, wo die titelgebenden Kreaturen in eine grauenvolle Metamorphose eintraten, wenn man sie nach Mitternacht fütterte – schließlich war doch irgendwo auf der Erde jede Stunde Mitternacht, oder? Das musste auch wieder einem Mann eingefallen sein. Die dachten so was einfach nicht zu Ende!
Nein, die einzige Möglichkeit, die sie noch sah, war es, beim Slavonsky-Outlet persönlich vorstellig zu werden und huldvoll mit des Prinzen limitfreier Kingsize-Kreditkarte zu winken, um die Mächte des Universums – in diesem Fall vertreten durch die Slavonsky-Zwerge, die einzig behördlich anerkannten Spezialisten für Kristallbearbeitung im Königreich – milde zu stimmen und noch rechtzeitig für den Winterball wieder angemessen beschuht zu sein.
Besagte Zwerge sahen das allerdings anders.
»Nein, nein, nein, gute Frau …«, begann der Empfangszwerg und Cinderella konnte nur mit Mühe ein »Hoheit!« zischen, ehe er ob dieses für ihn ungewohnten Titels ein wenig verwirrt fortfuhr, »das … also, das ist gänzlich unmöglich, für alles Geld des Reiches, fürchte ich, hinzufügen zu müssen. Sehen Sie …« – »Ihr!!!«, insistierte Cinderella auf der korrekten Anrede und der Zwerg sah sich noch verwirrter nach allen Richtungen hin um. Mit entrüsteten Prinzengattinnen hatte er absolut keine Erfahrung. Es war Urlaubszeit, die Stammbelegschaft war über alle Berge und er gab hier nur den ZvD (Zwerg vom Dienst), obwohl er eigentlich in der Fertigung tätig war und auf seinem Bewerbungsformular bei der Frage zum Wunsch nach direktem Kundenkontakt sein Kreuzchen bei ›AUF GAR KEINEN FALL‹ gemacht hatte. Aber wie bei den mittlerweile nur noch drei von sieben Zwergen hinter den immerhin trotzdem noch sieben Bergen: Es herrschte akuter Personalmangel im Land. Wenigstens war sein Leben nicht so gescheitert wie das seiner Vettern Fassold und Flaschner aus dem Nachbarkönigreich Dominia, denen man einen 24-Stunden-Non-Stop-Wachdienst vor der Zwergen¬zentrale auf die naiven Buckel gebunden hatte und die inzwischen wegen eines akuten Burn-Out-Syndroms zusammen mit einem hyperaktiven Männlein, dessen Name ihm gerade entfallen war, in der Klinik von Dr. Allwissend in Behandlung waren. Dass dessen Name nur ein bescheuerter Werbegag war, verstand sich von selbst.
Die mittlerweile deutlich wutschnaubende Cinderella so gut es ging ignorierend, fuhr der ZvD fort: »Jedes Slavonsky-Stück ist ein Unikat. Das bedeutet, es wird niemals, niemals, niemals ein zweites angefertigt.«
»So viel verstehe ich auch von lateinischen Fremdwörtern. Sehe ich etwa blond aus?«
Der Zwerg musste innerlich zugeben, dass sie tat¬sächlich so aussah, verkniff sich aber den Kommentar und versuchte, in seine nächsten Worte so viel Endgültigkeit und Ernsthaftigkeit zu legen, wie es ihm in seiner lächerlichen Fantasieuniform mit deren klimpernder Glasmenagerie-Front möglich war.
»Kling-klim-pim-pirilim«, machte sie, während er konstatierte: »Niemals. Keinesfalls. Unter keinen Umständen, absolut gar nicht. Das ist bei uns jahrhundertealte Firmenpolitik, Fräulein!« – »Hoheit!!!«, fuhr Cinderella den Zwerg an, der sich wiederum umblickte, aber kein ihm bekanntes Mitglied des Königshauses entdecken konnte. Sich selbst konnte sie ja kaum meinen, gluckste er innerlich, so, wie die sich aufführte, passte das eher zu einer kratzbürstigen Küchenmagd als zu einer Prinzessin. Er musste an die zwei Schwestern und deren Mutter denken, die letzte Woche mit blutigen Füßen zum Schuhkauf hier aufgekreuzt waren und damit beinahe den Fußboden ruiniert hätten, wenn der damalige ZvD nicht geistesgegenwärtig die Zugbrücke rechtzeitig hätte hochziehen und das Leuchtschild ›Wir dekorieren um – bitte beehren Sie uns später wieder!‹ einschalten können.
»Na gut. Er lässt mir keine Wahl.«
Der Zwerg war schon wieder irritiert. Von und mit welchen Leuten redete diese Nervensäge eigentlich die ganze Zeit? Sie musste fantasieren.
Er würde eine Menge Zeit zum Nachdenken haben, denn Cinderella rauschte beleidigt von dannen, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, jedoch nicht, ohne ihm eine offiziell hofbeglaubigte Visitenkarte mit Holo-Foto dazulassen.
Verdammt. Die bornierte Blonde war wirklich königlich. Das würde Ärger geben. Groooßen Ärger. Vielleicht war der Posten Fassolds und Flaschners in Dominia ja noch frei …

Cinderella fühlte sich einfach nur missverstanden. Das war mal wieder typisch Mann (egal, was Tolkien erzählte, von wegen Bart tragende weibliche Zwerge und dass man sie so nicht auseinanderhalten könne), derart unflexibel und paragrafenreiterisch. Und mit so wenig Sinn für die schönen Dinge des Lebens. Sie erinnerte sich an ihre Cousine Radegundis, die im Wald eine Pension zur Erholung für reiche Sonderlinge hatte eröffnen wollen, die aber von ein paar jugendlichen (und ohne Zweifel wiederum männlichen) Verrückten noch vor der offiziellen Einweihung abgefackelt worden war. Dass Radegundis es überhaupt überlebt hatte, verdankte sie nur einem kleinen Mädchen – ha! – , das seinen Bruder so lange ablenkte, bis Cinderellas Cousine durch den Hinterausgang verschwinden konnte. Sie lebte inzwischen unbehelligt, wenngleich unter neuem Namen, am Zentralsee in Dominia. Dies ist zwar nicht ihre Geschichte, aber … was soll’s, hier IST ihre Geschichte:

Radegundis schnaufte tief durch, als sie die Lichtung erreichte. Nicht nur, weil die lange Wanderung durch den düsteren Wald sie so erschöpft hatte, nein, auch gewisse Erleichterung schwang darin mit: Endlich hatte sie ihn gefunden, den perfekten Ort für ihr kleines Gasthaus mit angeschlossener Pension. Genau hier würde sie zu bauen beginnen, am liebsten gleich heute noch. Es musste natürlich eine Lichtung sein, schon wegen des Kontrast-Effekts, der die angenehme Überraschung der Gäste beim Anblick ihres Lokals noch verstärken würde, wenn sie – ausgelaugt und hungrig – nach einem anstrengenden Marsch durch das Finsterholz (hieß der Wald wirklich so? Radegundis musste unbedingt mit dem Touristenbüro reden!) endlich hier ankamen.
So gut, ja vollkommen wie diese hier hatte aber noch keine Lichtung Radegundis‘ Anforderungen an einen ersehnenswerten Zielpunkt erfüllen können. Es war wirklich wundervoll, wie die mächtigen Kiefern einen praktisch makellosen Kreis bildeten, wie das saftige Gras auf der Lichtung in der Sonne leuchtete und ein paar Beerensträucher am rechten Rand einen einladend fruchtigen Duft verströmten. Ein fröhliches Bächlein, das – wie absichtlich genau an dieser Stelle angelegt – einen angenehm plätschernden kleinen Wasserfall auf der anderen Seite des vor Radegundis liegenden Halbrunds bildete und damit die Frische des köstlichen Nasses unterstrich, war fast schon zu viel des Guten, um wahr zu sein. Besser hätte es kein von ihr noch zu engagierender Landschaftsplaner hinbekommen, den sie sich damit – auch ein Faktor, der zu ihrer Erleichterung beitrug – also ebenfalls sparen konnte.
Radegundis ließ sich auf einem umgestürzten Baumstamm nieder, der einmal – sie konnte es vor ihrem geistigen Auge deutlich erkennen – die Sitzbank bilden, von der aus sie neue Gäste erwarten und begrüßen würde, und blickte zurück auf den Pfad, auf dem sie hierher gelangt war. Genau¬genommen war es gar kein solcher, denn sie war über einen jungfräulichen Wald- und Wiesenboden just zu dieser Stelle vorgedrungen, ohne dass es schien, als ob sich je eine Menschenseele hierherverirrt hätte. Das würde sich natürlich ändern müssen, sollte ihr Unternehmen erfolgreich sein. Andererseits war ein wenig Abgeschiedenheit auch nicht das Schlechteste, was ihrem Haus passieren konnte – schließlich sollte es kein Anlaufpunkt des Massentourismus sein, und genau¬genommen war es sinniger, von einigen Sorten Mensch eben gerade nicht gefunden zu werden.
Radegundis atmete abermals tief durch und erhob sich. Das würde jetzt eine ganze Menge Arbeit werden, aber sie hatte sich vorgenommen, es ganz alleine zu schaffen. Nicht einmal ihre beste Freundin Apollonia war in das Projekt eingeweiht (aber natürlich würde sie eine Einladung zur Eröffnungsparty bekommen – und um nichts in der Welt wollte sich Radegundis die neidischen Blicke ihres Teekränzchens entgehen lassen). Womit sollte sie anfangen? Mit dem Hauptgebäude, dem Gäste-Wohntrakt, der Küche und Backstube? Dem Lagerschuppen mit Stall?
Sie griff in ihre Schürzentasche und zog den sorgfältig gezeichneten Plan heraus, den sie auf die altmodische Art – wiederum ohne Zurateziehen eines professionellen Architekturbüros, aber doch in jeder Hinsicht gelungen, wie auch ein ebensolches feststellen müsste – in wochenlanger Kleinstarbeit erstellt hatte. Nachdem sie ihn genau in der Mitte der Lichtung beinahe andächtig und an ein geheimnis¬volles Ritual erinnernd auseinandergefaltet und auf dem Waldboden platziert hatte, trat sie einen Schritt zurück. »So, dann wollen wir mal!«, sprach sie laut und knackte mit den Fingergelenken.
Wäre jemand in genau diesem Moment an der Lichtung vorbei- oder, Gott bewahre, sogar auf selbige gelaufen, hätte er nach dem Fingerknacken der kleinen Frau in dem schäbig wirkenden Rock mit Glitzersternchen noch eine ganze Menge an Geräuschen gehört, die tendenziell um einiges unangenehmer, aber vor allem eines, nämlich undefinierbar waren. Die genaue Beschreibung scheitert an dem Mangel an passenden und nicht zu sehr klischeehaften Adjektiven und Verben für die Folgen von Radegundis‘ eifriger Bautätigkeit; allenfalls lautmalerisches Material wie das borobrollollende Friesilieren diverser Kleinteile über den grasbewachsenen Lichtungsboden oder ein gelegentliches ›Schrembb‹ und ›Probod‹, wenn sie wie Teile eines gigantischen Baukastens ineinandergefügt wurden und einrasteten, wäre zu berichten.
Das Ergebnis ist es, was zählt: Am Ende des Tages durfte Radegundis in der Tat, wie sie es sich ausgemalt hatte, auf der Sitzbank Platz nehmen und erwartungsvoll auf den neu angelegten Kiesweg blicken, der in unnötigen Schlangenlinien ins noch mit einem einladenderen Namen zu versehende Finsterholz führte. Zufrieden schlug sie die Beine übereinander, legte ihren spitzen Hut ab und die Hände in den Schoß, wo in der Schürzentasche einige frisch gebrannte Mandeln auf ihren genussvollen Verzehr warteten, die noch vom Hausbau übrig waren. Radegundis streckte ihre Nase in die Luft und schnupperte. Der Lebkuchen duftete wirklich einladend. Die Gäste konnten kommen. In Gedanken versunken murmelte sie ihren Begrüßungstext vor sich hin: »Knus-per, knus-per, Knäus-chen …«

Zurück im königlichen Stadtschloss bzw. begehbaren Kleiderschrank unternahm Cinderella eine letzte gründliche Suche. Das Problem mit durchsichtigen Schuhen war, dass sie so – nun ja, eben durchsichtig waren. Je nach Lichtverhältnissen und Umgebung ging das fast bis zur Unsichtbarkeit. Dass sie prinzipiell dazu neigte, Schuhe zu verlieren, egal ob nun unsichtbar oder sichtbar, hatte sie natürlich in der Vergangenheit durchaus schon einmal bewiesen, aber das konnte doch eindeutig nicht an ihr liegen? Und wie viele Möglichkeiten dazu gab es überhaupt? Sie musste ja beide Schuhe absichtlich ausgezogen haben, als sie sich irgendwo niederließ, und später mit anderen weitergegangen sein, denn eine längere Strecke barfuß oder gar auf einem Bein humpelnd zurückgelegt zu haben, konnte sie sich nicht entsinnen …
Es half nichts. Sie würde sich zumindest für den Moment mit dem Verlust arrangieren müssen. Aber da war immer noch dieser Ball, auf dem sie nicht fehlen durfte. Genauso wenig konnte sie jedoch ein anderes Paar anziehen – das hätte das gesamte Ensemble mit ihrem Kleid und der zu den Schuhen passenden Tiara ruiniert. Als zukünftige Königin hatte sie einen Ruf als Trendsetterin zu verlieren. Schließlich … Augen¬blick mal … was hatte sie da gerade zu sich selbst gesagt?
Sie hätte früher draufkommen können. Zum Kuckuck noch mal, sie war die rechtmäßig angetraute Ehegattin des Prinzen, und kraft dieser Stellung war sie es, die hier in Sachen Mode den Ton angab. Das wollte sie doch mal sehen! Sie brauchte diese bekloppten Kristallschuhe nicht, und die Slavonsky-Zwerge konnten sich ihretwegen zum Teufel und seiner Großmutter scheren.

Noch Jahre danach hatten die Damen des Königreichs mit den hartnäckigen Frostbeulen an den Füßen zu kämpfen, die sie sich beim Winterball geholt hatten, weil sie Ihrer Königlichen Hoheit, der Prinzgemahlin, modisch in nichts nachstehen wollten und barfuß auf der Tanzfläche erschienen waren.
Dass diese sich von ihrer in Dominia lebenden Cousine, die nebenbei ganz passabel hexen konnte, heimlich aus einem »aus Sicherheitsgründen« beschlagnahmten Tarnumhang unsichtbare Thermo-Anti-Rutsch-Socken hatte anfertigen lassen, behielt Cinderella selbstverständlich für sich.

Muss ich haben!

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