Kellerleichen – Jeder hat eine Leiche im Keller

Cover von Rohrfrei
Rohrfrei
14. Februar 2016
Cover des Buches Männerwelten
Männerwelten
14. Februar 2016
Cover des Buches Kellerleichen

Geschichten von

Alexandra Kumer, Imke Brunn, Angela Pundschus, E. M. Jungmann, Marie Louise Walter, Markus Günther, Can Borges, Julia Bendis, Jens-Karsten Reimann

Kraft der Gedanken

Angela Pundschus

»Das hast du jetzt davon!« Sie schob den Rollstuhl vor den Fernseher, schaltete ihn an. Den Ton stellte sie auf zwölf; eine ungeheure Lautstärke. Sie goss sich einen Kaffee ein, schnappte ein Stück Käse-Sahne-Torte und führte den ersten Bissen an ihren Mund. Sie sah, wie Kurts Augen versuchten, einen Blick auf ihr Tortenstück zu erlangen, das sie gerade genussvoll verschlang. Kurz lachte sie auf. »Guck lieber zum Fernseher, ›Die Hard‹ beginnt gleich.« Er verkrampfte sich. Die Finger klammer­ten sich, soweit sie noch konnten, an den Lehnen fest. »Hach, das wird ein Fernsehabend. Den werden wir gemeinsam genießen!«
Anneliese Kohlschmidt betrachtete den Bild­schirm, erfreute sich an Bruce Willis. In der Werbepause gönnte sie sich noch ein zweites Stück Torte. Kurts Kopf ging leicht hin und her.
»Möchtest du auch etwas haben?« Sie erhob sich vom Sofa, ging an seinen Infusionsständer und drehte die Tropfflasche mit seiner Astronauten­nahrung auf. »Schlecht, wenn man nicht mehr essen kann, weil man nicht zum Arzt gehen wollte, als es noch Zeit dazu war. Das hat deine Speiseröhre jetzt davon. Gefällt dir der Film? Ach nein, alles amerikanischer Scheiß. Ich finde ihn gut. Wenn du etwas anderes sehen möchtest, musst du aufstehen und dir die Fernbedienung holen.« Anneliese setzte sich aufs Sofa zurück, goss noch einen Kaffee ein und schaute weiter den Film. Kurz nach Mitternacht beförderte sie Kurt ins Bett. Seit seinem Schlaganfall vor zwei Jahren hatten sie getrennte Zimmer und sie genoss es, nachts ungestört schlafen zu können. Sie schaltete seinen Überwachungsapparat an und legte noch einen Negerkuss auf seinen Nachtisch. Ihre kleine Rache für 40 Ehejahre, in denen nur sie auf sich und ihre Gesundheit geachtet hatte und er gar nichts tat. Hatte wohl gedacht, sie würde ihn pflegen. Sie wusste genau, der Negerkuss würde morgen noch dort liegen. Wie sollte er auch an ihn herankom­men, schließlich konnte er sich nicht mehr bewegen.

Kurt Kohlschmidt war gefangen in seinem Körper. Das Gehirn funktionierte noch, auch Hör- und Sehvermögen hatte er behalten, nur bewegen und reden ging nicht mehr. Sein Körper hatte die Kraft verloren. Er war angewiesen auf die Liebe seiner Frau und die Pflege, die sie ihm zukommen ließ. Na ja, immer öfter zweifelte er daran. Der Negerkuss war ein erneuter Beweis seiner Vermutung. Sie wusste doch genau, er konnte nicht mehr essen, nicht beißen. Seine Speiseröhre war kaputt und zugreifen konnte er erst recht nicht. Es dauerte Minuten, bis er den Kopf zur Seite gedreht hatte. Wie gerne würde er noch einmal von diesem Geschmack kosten, das Knacken der dünnen Schokolade in seinen Ohren hören und das klebrige süße Weiß auf seiner Zunge zergehen lassen. Langsam schlief er ein. Eine Träne lief seine Wangen hinab.

Der laute Gesang seiner Frau weckte ihn. Sie sang so falsch und immer dieses schreckliche englische Zeug. Deutsche Schlager musste man hören und singen, das gehörte sich so, und nicht dieses ausländische Zeug. Protestieren konnte Kurt nicht. Die Stimme hatte er schon vor Jahren verloren. Knoten auf den Stimmbän­dern hatten seinen tiefen Bass zum Schweigen gebracht.
Anneliese kam herein. »Guten Morgen mein Liebling. Wie geht es dir heute? Ich muss dir leider eine schlechte Nachricht überbringen.« Was konnte es noch Schlimmeres geben, als den Zustand, in dem er sich sowieso schon befand. »Ab nächstem Monat kommt täglich Olga, die dich wäscht, anzieht und in den Rollstuhl setzt. Sie schaut sich an, was getan werden muss. Ich gebe ihr gleich ein Paar Ersatzschlüssel mit. Du musst mich auch verstehen, ich kann das nicht mehr, dich waschen, zur Toilette bringen, drehen, anziehen und in den Rollstuhl setzen. Du bist einfach zu schwer für meine alten Knochen geworden.« Dabei lächelte sie ihn mit unverhohlener Häme an. Er sah, wie sie den Waschlappen in eiskaltes Wasser tauchte und mit angestrengtem Blick auswrang. Sie kam an sein Bett, schlug die Decke zurück und knöpfte ihm das Nachthemd auf. Sie schob die Hose herunter. Sein Geschlecht lag schlaff auf seinem Unterbauch, so wie der ganze Rest von ihm nicht mehr zu gebrauchen. Eines konnte er jedoch weiterhin, heiß und kalt fühlen, und jetzt liefen ihm Frostschauer über den Rücken, als sie ihn grob mit dem kalten Lappen wusch. Es war ihm unange­nehm und ein Röcheln entwich seiner Kehle. Warum tat sie das? Sie quälte ihn und ihm schien, es mache ihr Spaß.
Klar machte es ihr Spaß. Sie wusste nicht, wieso sie es so lange mit ihm ausgehalten hatte. All das, was er jahrelang mit ihr getan hatte, bekam er nun zurück. Er hatte die Macht besessen in ihrer Beziehung, sie eingeengt, es wurde nur das getan, was er wollte. Fernsehen, Urlaube, Besuche, Essen, alles hatte er bestimmt. Nun hatte sie die Macht, jetzt konnte er sich nicht mehr wehren und musste tun, was sie entschied.
Anneliese holte den Katalog der Reisegesell­schaft aus dem Schrank. Sie drehte seinen Rollstuhl in ihre Richtung und tippte immer wieder auf verschiedene Hotelanlagen, die auch für Behin­derte geeignet waren, jedoch alle in Italien lagen. Kurt war der Ansicht, ein schönes Land, wenn man nicht gerade im Sommer fuhr. »Das buchen wir, Liebling. Sizilien im Juli. Badeurlaub.«
Er hätte gern mit dem Kopf geschüttelt. Das Einzige, das ihm das Schicksal gelassen hatten, waren jedoch Sehkraft und Gedankengut. Machte Anneliese sich eigentlich Gedanken darüber, wie es war, mit so einem Krüppel wie ihm zu fahren? Garantiert nicht.
Sie setzte sich an den Bildschirm, gab die Adresse der Reisegesellschaft ein und buchte kurzerhand Italien im Sommer.
»Wir nehmen Olga mit. Die kann dich dann ein bisschen an der Promenade in der Sonne herum­fahren.«
Sein Leben war zur Qual geworden und sie tat das Ihre dazu. Die Frau, die er einmal geliebt hatte.

Kurt starrte auf den Bildschirm, während Anne­liese genussvoll auf dem Sofa liegend ihre Pralinen kaute und er sich mit der Flüssignahrung aus seiner Tropfinfusion begnügen musste. Plötzlich hörte er Wörter, die ihn aufhorchen ließen: »Kraft der Gedanken …«
Gespannt verfolgte er den Beitrag. Wissenschaft­ler hatten herausgefunden, dass es tatsächlich möglich war, anhand von Gedanken Gegenstände zu bewegen. Und genau dieses übte Kurt von nun an täglich. Sein Rollstuhl stand am Fenster und jedes Mal, wenn die alte Frau Hansen draußen vorbeiging, konzentrierte er sich auf den Satz: Fall hin, fall endlich hin. Das ging mehrere Wochen so, bis Frau Hansen tatsächlich fiel und mit dem Kopf auf das Pflaster prallte. Der Rettungswagen kam und nahm sie mit. Von Anneliese hörte er später, dass sie Wochen im Krankenhaus gelegen hatte und nun in ein Pflegeheim gekommen war. Seit diesem Tag übte er an seiner Frau. Er wusste ja, es wirkte, er konnte es. Jedes Mal, wenn Anneliese den Raum betrat, konzentrierte er seine Gedanken auf ihre Füße. Stolper endlich, du dumme Kuh. Fall hin und bleib liegen. Doch es tat sich nichts. Er gab nicht auf. Immer wenn sie ihn mit Musik, die er nicht mochte, ärgerte, sprach er in Gedanken den Satz aus.
Früher hatte er die Musik einfach weggedreht. Das ging ja gar nicht, dass Anneliese so etwas hörte. Er hatte immer Natur-, Angel- oder Reisedokus geguckt und sie nie das sehen lassen, was sie wollte. Was dachte Anneliese sich nur dabei. Sie musste ihn von vorne bis hinten verwöhnen, das war ihre Aufgabe als Ehefrau. Wenn er nur gekonnt hätte, sie hätte jetzt ihr Fett wegbekommen.
Von Tag zu Tag verfluchte er seine Frau mehr und mehr. Sie aß leckere Gerichte, bestellte sich Pizza, Pasta oder etwas vom Griechen, und er konnte nur in seinen Erinnerungen leben.

Da war sie wieder. Sie öffnete die Wohnzimmertür, ging auf den Fernseher zu, schaltete ihn ein, suchte den Actionfilm-Kanal und wählte ihn. In Kurts Gedanken wiederholten sich immer wieder die Worte: Stolpere über deine verdammten Füße, tu es endlich!
Da, ein kleiner Haker an der Teppichkante, sie wankte, schlug hin. Mit dem Hinterkopf direkt auf die Tischkante. Er jubelte innerlich.
Nach zwei Stunden bekam er Hunger. Steh endlich auf, du blöde Kuh. Das war nicht so gemeint.
Doch Anneliese rührte sich nicht. Eine Blutlache hatte sich unter ihrem Kopf gebildet. Immer wieder versuchte er, seine Kraft der Gedanken spielen zu lassen. Doch seine Frau regte sich nicht. Der Fernseher lief und lief. Kurt zählte die Todesopfer des Tages. Sein Magen knurrte und Anneliese drehte seinen Hahn nicht auf. Er wurde immer wütender. Dann bleib doch liegen!

Olga schloss die Tür auf. Es roch ekelerregend süßlich in der Wohnung. Die Lautstärke des Fernsehers war nicht zu überhören. Na, quält sie ihn schon wieder mit Actionfilmen?, dachte sie. Olga öffnete die Wohnzimmertür. Sie schrie auf. Da lagen sie, Anneliese am Boden und Kurt in seinem Rollstuhl, beide tot.

Burning Martini

Alexandra Kumer

»Willkommen im Tom Collins!« Das freundliche Schild begrüßt dich, wenn du die Grazer Cocktail­bar besuchst. Beim Verlassen wirst du von einem »Auf Wiedersehen im Tom Collins!« begleitet. Wieso dein Cocktail in einer Flasche ausgeschenkt wird und wofür die Streichhölzer, fragst du dich? Na, die Geschichte erzähle ich dir gern.
Die Bar war mal der In-Treff der Schickeria. Bis dem Ferdi, dem damaligen Besitzer, das aufge­setzte »Ich bin etwas, das du nicht bist«-Spielen so auf die Nerven gegangen ist, dass er den dümmsten Heini der Möchtegerns kurzerhand ohne Option auf Rückkehr, sprich, mit Lokalverbot, vor die Tür gesetzt hat. Klar, dass das Geschäft ab dem Zeitpunkt nicht mehr so gelaufen ist, wie es sollte – der Ferdinand ist halt immer grad so über die Runden gekommen, viel Gewinn war nicht mehr dabei, weil wenn du einen von der Schickeria beleidigst, dann sind gleich alle sauer. Ein bisserl hat das den Ferdi an Lemminge erinnert, und viel mehr Intelligenz hat er dem Kreis auch nie zugesprochen. Die Reaktion der Freunde von dem Heini war vorhersehbar gewesen. Nur damit, dass der Ferdi sich das Leben nehmen würde, damit hat keiner gerechnet. Aber das ist eine andere Geschichte und hängt eigentlich eher mit der Carolina zusammen, einer aus der Schickeria …
Wahrscheinlich wäre der Ferdi aber ziemlich ange­fressen, wenn er rausfände, dass sein Tod nur eine kleine Anekdote am Anfang dieser Geschichte ist. Im Ernst, wenn der überreißt, dass er nur am Rande erwähnt wird, weil weder sein Leben noch sein Tod was wirklich Interessantes haben, dann wär der stinksauer, der Ferdi. Einzig sein Testa­ment, das ist eine Geschichte wert – aber ich will ja nicht schlecht über die Toten reden, also Ruhe gefälligst in Frieden, Ferdinand!
Nein, wir stoßen noch nicht an, zuerst muss ich noch fertig erzählen. Ich merk schon, du bist einer von der ungeduldigen Sorte. Wart nur noch ein bisserl, es könnt dir das Leben retten. Jetzt, bevor die Geschichte richtig anfängt, müssen wir noch mal an einem sonnigen Morgen im April halt­ma­chen. Zufälliger­weise ist es der Erste des Monats. Du musst dir das so vorstellen: Der Ferdi hat vor ungefähr einem Vierteljahr plus minus ein, zwei Tage in Eigenregie das Zeitliche gesegnet. Weil, wie sie die Leiche gefunden haben, da war nicht mehr so recht erkennbar, wann er denn jetzt wirklich gestorben war. Mittlerweile ist aber schon längst Gras über den Ferdi und die Sache gewachsen und deswegen sind wir in einer winzigen Wohnung in der Nähe des Dietrichsteinplatzes, da ist nämlich alles ein bisserl spannender als unter der Erde.
Schauen wir mal einfach der Burgunde Schober zu, wie sie vom schrillen Läuten des Telefons geweckt wird. Die Burgi, wie sie von ihren Freunden genannt wird, wohnt in einer billigen Studentenbude, nur hat sie mit dem studentischen Dasein so viel gemein wie ein White Russian mit einem Rob Roy. Sie ist aber Barkellnerin und hat deswegen den Schlafrhythmus, den man gemein­hin mit Studierenden verbindet. Sprich, vor zwölf geht gar nix und danach sicher nur mit einem anständigen Kaffee im Magen. Also ist nie jeman­dem aufgefallen, dass sie eigentlich nicht studiert.
Weil Burgis Freunde ihre Schlafgewohnheiten kennen, ist sie einerseits stinksauer, dass um acht, zu so einer unchristlichen Zeit, das Handy läutet, andererseits aber auch neugierig, wer sie stört und was wohl passiert ist, weil so oder so – normal ist das nicht. Die Burgi wühlt sich also angestrengt aus den Bettdecken und tastet mit der freien Hand nach dem Handy und erschrickt, weil sie statt des Telefons plötzlich ungeschickterweise ein Gerät der anderen Art in der Hand hält – von dem Typen, den sie gestern mit nach Hause genommen hat. Blöd halt, dass das Handy gerade in dem Moment aufhört zu klingeln und noch dümmer, dass der Typ ihren Fehlgriff im Halbschlaf als Aufforderung sieht, weil doppelt gemoppelt ist in dem Fall wahrscheinlich gar nicht so unangenehm für ihn. Aber mittlerweile ist die Burgi hellwach, weil sie jetzt wirklich wissen will, wer da angerufen hat, und außerdem hat sie sich den Typen noch mal kurz angeschaut und ihr ist schlagartig klar gewor­den, dass sie gestern außerordentlich betrunken gewesen sein muss. Wo ist bloß der gut aus­sehende Mann hin? Vor allem aber: Wo sind seine Haare? Sie wird am Ende doch nicht den Falschen mitgenommen haben?
Die Burgi beschließt entrüstet, ein für alle Mal auf den Whiskey Sour, den sie vor Dienstschluss so gerne trinkt, zu verzichten.
Obwohl das Zeugnis ihres Absturzes so tut, als würde es noch schlafen, wandern seine Hände schon zielstrebig über ihren Körper. Zwar nicht ganz ungeschickt, trotzdem muss in erster Linie das Handy gefunden werden. Resolut, weil als Barkeeperin halt vieles gewohnt, nimmt die Burgi die sich auf Wanderschaft befindlichen Gesellen ihres Gegenübers an die rein sprichwörtliche Brust und weist sie schamlos zurück. »Das geht nicht. Ich muss mein Telefon finden und du musst dann sowieso gehen, weil ich bin jetzt munter.«
Zugegeben, ein bisserl barsch findet das sogar die Burgi selber, aber das liegt wohl an dem noch unbekannten Anrufer, der frühmorgens am 1. April ihre wohlverdiente Ruhe stört. Da fällt es der Burgi wie Schuppen von den Augen. Das war wahr­schein­lich ein blöder Scherz. Jetzt will sie erst recht wissen, wer da angerufen hat, weil der kriegt was zu hören, der Depp! Aber als sie das Handy endlich unter der Cosmopolitan findet, ist es eine Nummer, die sie nicht kennt, und als sie dort anruft, meldet sich die Stimme der Sekretärin des Nachlassver­walters Falk, von dessen Existenz die Burgi bislang keinen blassen Schimmer hatte. Ganz verwundert ist sie, weil sie gleich direkt zum Herrn Dr. Alexander Falk persönlich durchgestellt wird, der mit ihr einen Termin für nächste Woche ausmacht. Weil, was die Burgi nicht weiß und auch sonst keiner mitgekriegt hat – der Ferdi hat seine Bar ganz einfach der Burgunde Schober hinterlassen. Nicht nur, weil er wusste, dass sie was am Kasten hat, sondern auch, weil er mit ihr den bei Weitem besten Orgasmus seines Lebens hatte. Der Ferdi war nämlich bei Gott keine Schönheit. Also hat er vor seinem Tod eine Liste mit den Kellnerinnen und Frauen aus dem Gewerbe gemacht, die er näher gekannt hat, dann hat er die gestrichen, die ihn emotional verletzt haben, weil sie ihm was vorgegaukelt haben, und dann sind nur noch drei übrig geblieben. Und weil die Burgi nicht nur ehrlich war, sondern noch dazu nicht nur dagelegen ist wie ein nasser Fetzen, hat er sich gedacht, tu ich halt noch was Gutes und schenk der mein Lokal.
Da hat die Burgi aber geschaut, als sie beim Dr. Falk gesessen hat. Weil der Trottel von einem Ferdi hat seine Gedanken nämlich mit einer Präzision in sein Testament einfließen lassen, dass sogar dem Herrn Notar die Schweißperlen auf der Stirn gestanden sind. Zugegeben – zuerst hat die Burgi eine Wut im Bauch gehabt, das glaubst du nicht. Und alles nur, weil der Idiot von Ferdi nach seinem Tod keinen Streit unter den Weibern haben wollte. Nur damit keine von den anderen auf die Idee käme, dass das Tom Collins gerechterweise eigentlich ihr gehört hätte.
Nach dem Termin ist die Burgi dann jedenfalls mit hochrotem Kopf aus der Kanzlei gerannt. Auf dem Weg nach Hause hat sie sich auf eine Ver­schnauf­pause ins Bellini gesetzt und mit zittrigen Händen die Unterlagen vom Dr. Falk durchgesehen. Zur Beruhigung hat sie sich einen Einspänner bestellt. Ganz hat sie dem Ferdi seinen Entschluss da immer noch nicht fassen können. Und die Wut auf ihn ist erst verschwunden, als sich ihr gegen­über die beiden jungen Dinger hingesetzt haben. Die eine hat der anderen freudestrahlend von ihrem neuen Freund erzählt und wie einfach er zu manipulieren sei. Was die andere mit einem »Gut gefickt ist eben halb gewonnen!«, kommentiert hat. Da hat die Burgi so laut zu lachen angefangen, bis ihr die Tränen gekommen sind, sag ich dir. Wie sie sich wieder beruhigt hat, war es mit dem Grant vorbei, und vor lauter Dankbarkeit hat sie den Mädels auch gleich die offene Rechnung beglichen, ohne dass die das mitgekriegt haben. Dann ist die Burgi, immer noch ein bisserl benommen, aus dem Kaffeehaus gewankt und hat einen langen Spazier­gang gemacht, von dem sie heute wahrscheinlich noch nicht zurück wäre, wenn es nicht zu regnen angefangen hätte. Als sie nach Hause gekommen ist, hat sie sich zuerst ein Bier aus dem Kühl­schrank nehmen wollen, sich schlussendlich aber für einen Tee entschieden. Das mit dem Alkohol war jetzt selbstverständlich vorbei. Weil Drogen­dealer sind ja auch selten selber abhängig und als Inhaberin einer Bar braucht man halt einen klaren Kopf. Mit einem Seufzen hat sich die Burgi auf die winzige Couch niedergesetzt und auf einen Zettel geschrieben: »Burgunde Schober, Besitzerin.« Da hat sie zum ersten Mal richtig kapiert, was eigent­lich passiert ist und dass sie jetzt fast wie die Virgin Mary zum Kind zu einer Bar gekommen ist.
So, jetzt machen wir noch einen Sprung. Der ist nämlich wichtig, also pass gut auf: Der Tod vom Ferdi ist mittlerweile ein Jahr her und die Burgi hat aus dem Tom Collins (den Namen hat sie aus nostalgischen Gründen behalten) eine Cocktailbar gemacht, da setzt du dich nieder, sag ich dir. Sie hat die alte Einrichtung rausreißen lassen und alles komplett renoviert. Der Ferdi hat ihr nämlich nicht nur das Lokal, sondern auch noch ein bisserl Kleingeld hinterlassen.
Schön ist es jetzt im Tom Collins, die Wände sind neu gestrichen, die Bar ist aus getäfeltem Holz, und rechts hinten in der Ecke ist sogar Platz für das alte Pianino gewesen, das die Oma von der Burgi ihr geschenkt hat, als sie von der unverhofften Erb­schaft erfahren hat. Natürlich weiß die Gute nur, dass ihre Enkelin was geerbt hat. Die Hintergründe hat ihr die Burgi tunlichst verschwiegen. Sie will ja nicht schon wieder zu einem Begräbnis. Jedenfalls, alle zwei Wochen spielt jetzt im Tom Collins ein Pianist so etwas wie Jazz und manchmal treten auch junge Künstler auf. Einmal hat sie es mit einer Lesung probiert, aber da waren die Leute dann nicht so interessiert. Also hat sie es bei Cocktails, Musik und gemütlicher Stimmung belassen. Die Burgi ist eben doch eine tolle Geschäftsfrau, wie sich herausgestellt hat. Und der Ferdi hat mit seiner Theorie, dass gut im Bett auch gut fürs Ge­schäft ist, wohl nicht so unrecht gehabt. Ruhe in Frieden, Ferdinand!
Jetzt wirst aber nicht gähnen, oder? Die Ge­schichte dauert eh nicht mehr lang, versprochen. Nur ist es halt notwendig, dass du alle Beteiligten kennst, wie die Burgi, den Ferdi und das Lokal, den Pianospieler, und dann aber auch noch den Schorsch, ausnahmsweise ohne i am Schluss, weil dass ihn seine Freunde Schorschi nennen, das hat er ihnen schon ganz früh ausgetrieben. Bei den meisten hat ein Wort gereicht, bei anderen hat er erst einmal mit der Faust nachhelfen müssen, dass endlich Ruhe war mit dem i.
Der Schorsch ist halt ein eigener Charakter – wer ihn kennt, hat ihn gern, wer ihn nicht kennt, hat Angst vor ihm. Die Burgi hat den Schorsch aber nur wegen seinem beeindruckenden Aussehen enga­giert: lange schwar­ze Haare, gestutzter Bart, immer ein weißes T-Shirt, eine ausgewaschene Jeans und Cowboy­stiefel an. Außerdem ist der Schorsch ein ziemliches Muskelpaket, fast 1,90 Meter und auf den ersten Blick wirklich angst­einflößend, aber nur, bis er den Mund aufmacht, weil seine Stimme ziemlich hoch ist für einen Mann. Trotzdem – als Türsteher ist der Schorsch unersetzbar. Besonders, weil er nicht direkt an der Tür steht, sondern an der Bar sitzt und eben nur dann, wenn ein Gast mal zu viel getrunken hat, einschreitet. Und genau an so einem Abend, als der Schorsch ausnahmsweise einmal was tun muss, da kommen wir langsam zum Grund, warum ich hier sitze und dich vollschwafle. Und noch einmal sag ich dir nicht, dass du mit dem ersten Schluck noch warten sollst. Jetzt grins nicht so blöd, sonst hol ich den Schorsch!
Die Margarita ist an dem Abend nämlich ganz unschuldig mit ihren Freundinnen an der Bar gesessen, da ist ein unbekannter Mann (der, den der Schorsch ohne i dann rauswerfen wird) an sie herangetreten und hat sie belästigt. Zuerst haben sich die Mädels nicht viel dabei gedacht und ihn als betrunkenen Deppen ausgelacht, aber plötzlich hat er der Margarita von hinten an die Brust gefasst und somit war die Situation nicht mehr so lustig. Aber dann war auch schon der Schorsch zur Stelle und hat den Störenfried auf die Straße gesetzt. Der Türsteher ist daraufhin wieder zurück zu den Mädels, und als die sich bei ihm bedankt haben, hat er mit einem stummen Nicken geantwortet, weil der Schorsch nämlich ein wenig Angst gehabt hat, dass sie jetzt ihn wegen seiner Stimme auslachen. Aber zu dem Zeitpunkt war es um die Margarita schon geschehen, und selbst wenn er im Er­wachsenen­alter bei den Wiener Sängerknaben mitgesungen hätte, wär‘ das der Margarita egal gewesen, weil ihr die Schmetterlinge im Bauch sowieso die Sinne vernebelt hatten.
Nur, die Beziehung zwischen Schorsch und Margarita ist jetzt nicht mehr wichtig. Viel wich­tiger ist der Typ, den der Schorsch vor die Tür gesetzt hat, das ist nämlich der Martin. Der ist vor einigen Tagen fristlos entlassen worden, weil er mehr als einmal betrunken zur Arbeit gekommen ist, seit die Carolina, seine Frau, ihn wegen dem Ferdi verlassen hat. Kannst dich noch erinnern, oder? Die aus der Schickeria, wegen der sich der Ferdi … Ja, genau die. Das Problem war nämlich, dass der Ferdinand nicht gewusst hat, dass seine Herzallerliebste sich für ihn entschieden hat, und deswegen hat er sich – sicherheitshalber – schon mal das Licht ausgeblasen. Die arme Carolina hat ihn dann gefunden. Sie ist aber blöderweise trotzdem nicht zum Martin zurück­gekommen, und der schleppt seitdem neben der obligatorischen Bierflasche einen Grant mit sich herum, das glaubst du nicht. Jedenfalls hat ihn die Margarita sehr an die Carolina erinnert und er hat sich gedacht, so ein bisserl ein Busengrapschen, da kann ja wohl kaum was dabei sein.
Wie ihn der Schorsch dann aber aus dem Lokal geworfen hat, da hat sich sein Ärger natürlich nicht gelegt, und so ist ihm im übertragenen Sinn die zündende Idee gekommen. Das ist auch der Grund, warum der Martin jetzt komplett besoffen mit einigen mittlerweile geleerten Benzinkanistern und einer Streichholzschachtel im Tom Collins steht. Im Hintergrund hört er schon die Polizei­sirenen, weil so einem Feuerteufel gibst du halt nicht freiwillig den Lokalschlüssel. Nein, da hat der Martin schon einbrechen müssen, und logischer­weise ist jetzt Eile angesagt. Nur leider hat den Martin die Logik auch gleich wieder verlassen, weil er vergessen hat, dass nicht das Benzin, sondern grade die Dämpfe schnell entzündbar sind, und das ist auch der Grund, warum der Martin sich eine Millisekunde lang ziemlich dumm vorkommt, bevor er explodiert. Weil, dass er den Ferdi so schnell wieder trifft, hat keiner gedacht und er am allerwenigsten.

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